Digitale Nomaden

Sie ziehen mit dem Laptop um die Welt und arbeiten da, wo es ihnen am besten gefällt – unter Palmen in der Südsee, im Café in London, in einem botanischen Garten in Australien oder anderswo. Die Digitalen Nomaden (im Bild Conni Biesalski, Blog Planetbackpack) sind frei von festen Arbeitszeiten, womöglich immun gegen Burnout und meist glücklich beim Geldverdienen. Gibt es auch Haken dabei? Sechs digitale Wanderarbeiter erzählen, wie sie ihr Geschäft aufgebaut haben und wo die Hürden lauern

Text: Bettina Hensel

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Im Weltenbummler-Fieber Anja Greszik arbeitet bereits freiberuflich als Journalistin und Social-Media-Beraterin. Jetzt will die 32-Jährige auch den Sprung ins ortsunabhängige Leben wagen: "Wenn ich es nie ausprobiere, kann ich nicht beurteilen, ob es sich für mich eignet."
Arbeiten unter Palmen Erste Erfahrungen damit hat die Hamburgerin schon gemacht: Im Winter vorletzten Jahres verbrachte sie sechs Wochen auf den Cookinseln in der Südsee – und war trotz "traumhafter Lagune voller Fische und herzlicher Menschen" auch produktiv.
Achtung, dies ist keine Fotomontage! Kann es einen schöneren Platz zum Arbeiten geben? Auch in der Karibik saß Anja an ihrem Laptop und schrieb für ihre Auftraggeber. "Dass mein Computer immer dabei ist, ist für mich mittlerweile normal."
Neue Wege Auch wenn bei Anja Aufbruchstimmung herrscht, ist sie geerdet. Ihre Heimat Hamburg will sie als festen Rückzugsort behalten. Zu wichtig sind ihr die Freunde dort. "Kein Skype-Gespräch kann eine liebe Umarmung ersetzen", sagt sie.
Ein Meer voller Möglichkeiten "Mich reizen warme Klimazonen, ich will der Kälte hier entfliehen", sagt Anja. "Malaysia, Indonesien oder die Philippinen sind erste Wunschziele im Winter." Dafür lohne es sich auch, etwas anzusparen und auf einiges zu verzichten.
Frische Nomadenbrise Auch Thorsten Kolsch hat die Idee, ortsunabhängig zu arbeiten, nicht mehr losgelassen. Er drehte mit Filmemacher Tim Jonischkat einen Dokumentarstreifen über Digitale Nomaden und ist seitdem selbst einer. Im Juli 2014 hat er seinen Hausrat veräußert.
Deutschland zieht aus! Thorstens Dokumentation über Digitale Nomaden lief letztes Jahr auf großer Leinwand in Berlin. Der Film erzählt die mitreißende Geschichte von fünf Online-Unternehmern aus Deutschland, die mit Rucksack und Laptop in die weite Welt zogen.
Nomaden? Das sind doch Leute, die Wohnungen verwüsten! Thorstens Eltern standen seinen neuen beruflichen Plänen anfangs skeptisch gegenüber. Mittlerweile haben sie verstanden, dass ihr Sohn weder zu den Wüsten- noch zu den Mietnomaden zählen will.
Arbeitsplatz: Bahn Am liebsten arbeitet der gebürtige Dortmunder in der Bahn. "Wenn ich die Landschaften an mir vorbeiziehen sehe, kommen mir die besten Ideen", sagt er. Für ihn muss es nicht immer Thailand sein: "Deutschland und Europa haben auch sehr schöne Ecken."
Seiner Stadt Hamburg... ist der 35-Jährige treu geblieben. Auch wenn er kein eigenes Zuhause hat, sondern bei seinem Partner, bei Freunden oder in Airbnb-Wohnungen lebt. Zwei bis drei Tage die Woche arbeitet er in Gemeinschaftsbüros oder direkt beim Kunden.
Architekt auf Reisen Tim Chimoy arbeitet seit nahezu vier Jahren als ortsunabhängiger Unternehmer, überwiegend in Bangkok, Berlin und Saigon. "In Festanstellungen habe ich mich immer schon ein wenig gefangen gefühlt", sagt der 34-Jährige.
Nach den eigenen Regeln leben Neben seiner Arbeit als freiberuflicher Architekt betreibt Tim auch den Blog "Earthcity", in dem er Menschen Tipps gibt, wie sie am besten ortsunabhängig leben und arbeiten können, u.a. mit dem Podcast "I love Mondays".
Mein Van, mein Büro Veronika Fuetterer lebt und arbeitet als freie Unternehmerin an den unterschiedlichsten Orten. Mal in ihrem eigenen Van auf Reisen, mal in Mietwohnungen oder bei Fremden auf der Couch. "Jeder Tag kann etwas Unerwartetes mit sich bringen", sagt sie.
Das Schöne an ihrem Job... sind flexible Arbeitszeiten. "Ich liebe es, mir den Montag komplett frei zu nehmen und ihn an einem einsamen Strand oder in einem Regenwald zu genießen, während andere in ihre Arbeitswoche starten", sagt die 29-Jährige.
Weihnachten in Bangkok Flexibel zu sein, gehört für Veronika zum nomadischen Lebensstil dazu. Reiseziele können sich jede Woche ändern. Die Festtage an Weihnachten kann man auch mal im tropischen Thailand verbringen, und nicht bei der Familie unterm Tannenbaum.
Ein guter Rückzugsort ... ist für Veronika Australien. Dort hat sie ihre Homebase, von der sie immer wieder aufbricht. "Eine Destination mit atemberaubenden Orten", sagt sie. Allerdings sei es nicht einfach, in einem so hochpreisigen Land ein digitales Unternehmen aufzubauen.
Pioniere bei der Arbeit Marcus Meurer und Felicia Hartgarten haben zusammen die erste Konferenz für Digitale Nomaden (DNX) auf die Beine gestellt. Sie findet zweimal jährlich in Berlin statt und bietet Workshops und Vorträge zum Thema.
Auf der ganzen Welt zuhause Einen festen Wohnsitz brauchen die beiden nicht. Sie reisen um die Welt und berichten darüber in ihrem Reiseblog "Travelicia". Hier sind sie gerade in Taganga, einem Fischerort an der Karibikküste im Norden Kolumbiens.
Routine im Paradies Letztes Jahr arbeiteten sie viel in Zentral- und Südamerika, unter anderem auf Caye Caulker, einer Insel vor der Küste von Belize. "Neue Orte inspirieren uns", sagt Marcus. Routine und eine feste Struktur seien an solchen Traumdestinationen aber wichtig.
Mit Laptop am Strand "Die größte Herausforderung besteht darin, auch an den tollsten Orten der Welt diszipliniert zu bleiben", sagt Marcus. Das gelingt dem Paar gut. Seit 2012 arbeiten sie als ortsunabhängige Online-Unternehmer.
Glücklich, oder? "Dieses Gefühl, als wir uns in die Augen geschaut und begriffen haben, dass man von überall auf der Welt aus arbeiten kann, werde ich nie vergessen", sagt Marcus. Einfach sei der Weg nicht: "Du brauchst einen starken Willen!"
Mein Büro auf Bali Auch Conni Biesalski arbeitet seit drei Jahren als ortsunabhängige Unternehmerin. Die 31-Jährige wirbt für den "Lifestyle" auch hier in Deutschland. Als sie Anfang 2012 mit ihrem Blog "Planetbackpack" startete, orientierte sie sich an Vorbildern aus den USA.
Ayurvedische Morgenroutine Conni kann sich ihren Arbeitstag selbst einteilen. In der Regel steht sie zwischen 7 und 9 Uhr am Morgen auf und meditiert, zum Beispiel am Pool hier auf Bali. Die 31-Jährige arbeitet maximal sechs Stunden am Tag, "danach schalte ich ab", sagt sie.
Schreibtisch im Hostel "Wenn ich ein Blog-Post schreibe oder kreativ sein möchte, brauche ich Ruhe und bin am liebsten alleine", sagt Conni. Arbeiten, die keine Konzentration erfordern, könne sie überall erledigen, auch am Strand oder am Flughafen-Terminal.
Herzensort: Bali Immer wieder verschlägt es Conni zum Arbeiten nach Bali: "Die Insel wurde ein kleines Zuhause für mich." Die 31-Jährige ist gerne am Meer und in Ländern, in denen es so warm ist, dass sie barfuß laufen kann. Biokost und gute Yoga-Angebote sind ihr auch wichtig.
Urlaub – ein Unwort Conni nimmt sich einfach ein paar Tage frei, wenn sie Lust darauf hat. "Urlaub ist ein Unwort", sagt sie. "Ich brauche keine Pause von dem Leben, das ich mir ausgesucht habe. Meine freiberuflichen Aufgaben fühlen sich nicht wie Arbeit an!"
Bisschen reisen, bisschen arbeiten ... So einfach ist es dann doch nicht. Das Reisen darf nicht Priorität haben, meint Conni, wenn man ein Online-Geschäft aufziehen will. "Alle, die Erfolg haben, haben unglaublich viel Energie und Zeit in den Aufbau ihres Geschäfts investiert."
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Raus aus dem Hamsterrad: Marcus Meurer und Felicia Hargarten arbeiten rund um den Globus und sind dabei rundum zufrieden
"Ist das freie Arbeiten in der Heimat nur wohltuende Gewohnheit oder wirkliches Glück?"

Sie nennen sich Digitale Nomaden, reisen um die Welt und arbeiten überall am Laptop – ohne feste Arbeitszeiten oder eigenen Schreibtisch. Ist das nun ein neuer Beruf? Keineswegs: Es ist, einfach ausgedrückt, ein erweitertes Modell, frei zu arbeiten, und vielleicht ist es auch die Zukunft einer gut vernetzen Arbeitswelt. Die mobilen Laptop-Arbeiter selbst sprechen gerne von einem neuen "Lifestyle", einem Rundum-Glücklichpaket.

Während viele andere Selbständige ein Büro in Deutschland haben, von zuhause aus Projekte betreuen oder direkt beim Kunden tätig sind, arbeiten die modernen Wanderarbeiter von unterwegs oder an ausgesuchten, spannenden Destinationen weltweit. Ihr digitales Geschäftsmodell erlaubt ihnen Ortsunabhängigkeit, ob als Architekt, als Marketing-Spezialist oder als Reiseblogger. Das wichtigste Tool vor Ort: schnelles WLAN.

Zum einen kann man unterwegs am Strand, im Café oder im botanischen Garten sein mobiles Büro aufschlagen. Zum anderen wird auch die organisierte Infrastruktur für flexible Arbeit weltweit immer besser. Es gibt Unterkünfte, die auf freie Unternehmer ausgerichtet sind, genauso wie gut ausgestattete, schicke Gemeinschafts-Arbeitsplätze, sogenannte Coworking-Spaces, die man für ein Entgelt pro Tag oder Monat flexibel mieten kann. Zudem werden in der Szene sogenannte Retreats (englisch für Rückzug) oder Camps an verschiedenen Destinationen angeboten, etwa die DNX-Camps, bei denen man für eine Zeit mit Gleichgesinnten lebt, während man die eigenen Projekte oder das Geschäft vorantreibt.

So reisefederleicht, wie dieser Lebensstil klingt, ist er in der Realität allerdings nicht. "Alle, die Erfolg haben und um die Welt ziehen, haben unglaublich viel Zeit und Energie in den Aufbau ihres Online-Geschäfts gesteckt, vor allem in den ersten zwei Jahren", sagt Conni Biesalski. Die 31-Jährige ist in Deutschland Pionierin unter den Digitalnomaden, bereits seit 2012 arbeitet sie mit ihrem Blog "Planetbackpack" ortsunabhängig. Reisen alleine dürfe nicht Priorität sein, die Illusion vom entspannten Weltenbummeln mit ein paar Texten und Fotos so ganz nebenbei müsse sie den Interessenten leider nehmen.

Einfach ein Reiseblog starten und frei drauflos schreiben, das reicht noch lange nicht aus. Über ein halbes Jahr Zeit hat Biesalski investiert, um auszuloten, wie man eine Zielgruppe aufbaut und damit Geld verdient. Und auch danach müsse man Geduld haben. "Lange habe ich in der Anfangsphase in günstigen Hostels gelebt und nur 1000 Euro Brutto im Monat verdient", sagt Biesalski.

Selbst der agile Macher Marcus Meurer, der mit seiner Freundin Felicia Hargarten die erste Konferenz für Digitale Nomaden (DNX) in Deutschland organisiert hat, spricht von "Durchhaltevermögen" und "starkem Willen". Davon, dass es wichtig sei, unterwegs feste Routinen aufzubauen und seinen Tag zu strukturieren.

In seinem Dokumentarfilm "Deutschland zieht aus" hat auch Thorsten Kolsch mit dem Mythos vom allzeit lockeren Leben aufgeräumt. "Manche arbeiten sogar 70 Stunden die Woche", sagt der 35-jährige Medien-Freelancer, der seit den Dreharbeiten auch als digitaler Wanderarbeiter lebt. Ihn hat das Fernweh gepackt, als er ein Jahr lang die Wohnung einer Freundin in Hamburg-Blankenese mit Blick auf die Elbe und ihre Containerschiffe hütete, während sie auf Weltreise war.

Abgesehen vom Aufbau des Geschäfts gibt es noch andere Hürden zu meistern. Viele Fragen tun sich auf: Wie sieht es mit der Altersvorsorge aus? Mit der ärztlichen Versorgung? Ist man nicht einsam beim rastlosen Reisen um die Welt? Kann man eine Beziehung führen, Kinder haben? Sind eigene Möbel, die eigenen vier Wände wirklich nur überflüssiger Ballast? Kann man an traumhaft schönen Orten zuverlässig produktiv sein? Bleiben gute Freunde und die Familie dabei auf der Strecke?

Die größte Herausforderung sei es, so Tim Chimoy, die eigenen Glaubenssätze zu hinterfragen. Nicht gleich zu denken: "Das geht doch nicht." Sondern sich auf das Thema einzulassen, egal, wohin es führt. Der reisende Architekt gibt auf seiner Seite Earthcity nicht nur motivierende Tipps, sondern verrät auch in Workshops, wie man das Ganze am besten angeht.

Der Antrieb für solch ein freies Leben kann auch eine schlimme Erfahrung sein. Kurz nachdem Veronika Fuetterer nach Australien gereist war, diagnostizierten die Ärzte bei der damals 25-Jährigen Krebs. Der Traum vom Reisen schien zu Ende. Mittlerweile hat sie die Krankheit besiegt. Ihr wichtigstes Ziel, das sie mit unermüdlicher Energie verfolgt: Gesundheit, Freiheit und Unabhängigkeit. "Die Krankheit hat mir gezeigt, wie schnell sich das Leben ändern kann", sagt die heute 29-Jährige, die ihr eigenes Online-Business in Australien aufgebaut hat.

Wahrscheinlich ist nicht jeder für dieses Leben geschaffen.
Das kann man wohl erst beurteilen, wenn man es selbst ausprobiert hat. "Zurückkommen kann man ja immer", sagt Anja Greszik so schön salopp. Sie ist freie Journalistin und Social-Media-Beraterin und will das Experiment wagen. "Ich mag meine Heimat Hamburg und es ist ein tolles Gefühl, wenn der Bäcker dich jeden Morgen grüßt – aber ist das nur wohltuende Gewohnheit oder auch wirkliches Glück?"

In unseren Episoden erzählen sechs Digitale Nomaden von ihrem Arbeitsalltag, ihren Anfängen, den Vor- und Nachteilen dieses Lebensstils und geben Tipps für ein ortsunabhängiges Dasein.

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"Urlaub ist für mich ein Unwort"

Die Vorzeige-Nomadin: Conni Biesalski, 31, mit ihrem Reiseblog "Planetbackpack"

Leben und Arbeiten aus dem Rucksack: Seit 2012 reist die 31-Jährige um die Welt. Ihre Wohnung in Berlin hat sie gekündigt
Conni Biesalski, gebürtig aus Donauwörth in Bayern, lebt aus dem Rucksack und bereist seit über drei Jahren als erfolgreiche Online-Unternehmerin die Welt. Die 31-Jährige betreibt das Blog "Planetbackpack.de", gibt mit E-Books Kurse über ortsunabhängiges Arbeiten und bei Blog-Camp Tipps, wie man erfolgreich ein Blog aufbaut.

Conni, wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

In der Regel stehe ich zwischen 7 und 9 Uhr auf und lasse den Tag mit meiner ayurvedischen Morgenroutine langsam angehen. Ich trinke mein Zitronenwasser, meditiere, sitze auf der Dachterrasse in der Sonne und frühstücke gemeinsam mit anderen. Danach arbeite ich, manchmal zwei, manchmal vier Stunden. Maximal sechs, wenn ich ein größeres Projekt habe.

Auf Fotos sieht man dich mit Laptop am Strand, in einem Hostel, einem Café... Wo arbeitest du am liebsten?

Das kommt ganz darauf an, woran ich arbeite. Wenn ich ein Blog-Post schreibe oder kreativ sein möchte, dann brauche ich Ruhe und arbeite am liebsten alleine – zum Beispiel in einer gemieteten Airbnb-Unterkunft. Wenn ich administrative Dinge mache, die nicht viel Konzentration erfordern, kann ich überall arbeiten – auch auf dem Boden im Flughafen-Terminal.

Nimmst du dir eigentlich auch Urlaub?

Urlaub ist ein Unwort. Wir Digitale Nomaden haben uns ja diesen Lebensstil ausgesucht, damit wir keinen brauchen. Ich nehme mir einfach ein oder zwei Tage frei, wenn ich Lust darauf habe. Meine freiberuflichen Aufgaben machen mir Spaß und fühlen sich nicht wie Arbeit an. Ich brauche keine Pause vom Leben, das ich mir aufgebaut habe.

Hast du noch eine Wohnung in Deutschland?

Meine Wohnung in Berlin habe ich gerade aufgegeben. Es war sinnlos, ich habe ständig nur nach neuen Untermietern gesucht und war eigentlich fast nie selbst da.

Du bist nur mit Rucksack und Laptop in der Welt unterwegs. Wo hast du dieses Jahr überall gelebt?

Gerade war ich lange auf Bali. Die Insel wurde zu einem kleinen Zuhause über die letzten vier Monate. Vor Bali war ich einen Monat in Mexiko, davor einen Monat in Chiang Mai, Thailand. Jetzt bin ich wieder querbeet in Europa unterwegs, auf vielen Konferenzen. Nächste Woche mache ich einen Yoga-Retreat in den Bergen. Aber es kommen auch wieder ruhigere Zeiten.

Nach welchen Kriterien wählst du deine Aufenthaltsorte aus?

Ich bin gerne am Meer und in Ländern, in denen es so warm ist, dass ich barfuß laufen kann. Ich mag Orte mit guten Yoga-Angeboten oder einer ausreichenden Auswahl an veganen Restaurants. Wichtig ist mir auch ein gutes Netzwerk vor Ort mit anderen Nomaden oder Online-Unternehmern, und natürlich viele Hippies und Yogis um mich herum.

Spielen Lebensunterhaltskosten auch eine Rolle?

Obwohl mein Einkommen und damit auch mein Lebensstandard mittlerweile gestiegen sind, bevorzuge ich immer noch die Tropen. Da kommt einfach die Ratio ins Spiel: Es sind auch schöne Orte, aber ich gebe nicht so viel Geld aus wie etwa in San Francisco oder London.


Fällt es dir auch manchmal schwer, die Destination zu wechseln, einen Ort wieder zu verlassen? Oder gehört das zur Routine?

Es gibt Seelen- oder Herzensorte, an die ich immer wieder zurückkehre, wie Bali oder Mexiko. Das Gefühl der Traurigkeit kommt ja nur auf, wenn man weiß, dass man diese Ziele eine lange Zeit nicht mehr sehen wird.

Mit was verdienst du deinen Lebensunterhalt?

Hauptsächlich über Affiliate-Marketing. Wenn Leser zum Beispiel über die Empfehlungen in meinem Blog etwas bei Amazon kaufen, bekomme ich eine Kommission dafür, die aber nicht über die Kunden refinanziert wird. Das funktioniert sehr gut, da ich auf meiner Seite mit über 100.000 Lesern im Monat sehr viel Traffic habe. Zweites Standbein ist mein E-Book „Digital, unabhängig, frei“, ein Online-Kurs, in dem ich Leuten Tipps gebe, wie man ein ortsunabhängiges Leben und Business aufbaut. Drittes Standbein ist unser Blogcamp-Kurs, mit dem wir Leuten helfen, professionelle Blogger zu werden.

Was gab den Ausschlag für dein nomadisches Leben?

Schon als Teenager hat es sich für mich seltsam angefühlt, immer an einem Ort zu leben. Nach der Schule und dem Studium war ich viel in der Welt unterwegs, habe in Indonesien und Australien gelebt. Irgendwann habe ich mir in Berlin dann doch einen Job gesucht, in einer PR-Agentur. Bereits nach einem Monat war klar, dass mir eine Festanstellung nicht liegt. Ich hielt nach Alternativen Ausschau und habe fast ein halbes Jahr recherchiert und geplant, wie mein Leben und mein Geschäftsmodell aussehen könnten. Dann bin ich nach Bali gereist und habe von Tag eins an als Freelancer mit meinem Blog Geld verdient.

Gab es Vorbilder für deinen Plan?

Anregungen habe ich vor allem in der amerikanischen Szene gefunden. Ein Klassiker ist Tim Ferris, der in seinem Blog Tipps für eine Vierstunden-Arbeitswoche gibt. Auch Chris Guillebeau mit „The Art of Non-Conformity“ oder Sean Ogle mit seinem Blog „Location 180“ waren für mich inspirierend.

Du warst ja eine der Ersten, die das Thema in Deutschland aufgegriffen hat...

Anfang 2013 habe ich meinen ersten Blog-Kurs über mein Beach-Office in Mexiko verfasst. Daraufhin kamen viele Journalisten. Sie fragten sich: „Was macht die denn da?“ Für mich war dieses Leben normal, weil ich mich in einer internationalen Szene bewegt habe. In Deutschland hingegen war das Thema noch völlig unbekannt. Daraus hat sich meine Mission entwickelt: Ich wollte diesen Lifestyle auch hier promoten.

Immer unterwegs zu spannenden Zielen, in der Hängematte liegen mit Laptop und Blick aufs Meer – davon träumen viele Menschen. Ist es so einfach?

Viele Leute denken sich: Wow! Da kann ich viel reisen und nebenher ein passives Einkommen verdienen. Diese Illusion muss ich ihnen regelmäßig nehmen. Reisen darf nicht Priorität sein, wenn du ein Online-Business aufziehen willst. Alle, die Erfolg haben und um die Welt ziehen, haben unglaublich viel Zeit und Energie in den Aufbau ihres Geschäfts investiert, vor allem in den ersten zwei Jahren. Wie lange habe ich die erste Zeit in günstigen Hostels gewohnt und nur 1000 Euro brutto verdient? Du musst deine Ansprüche am Anfang schon sehr stark herunter schrauben.

Gab es auch Momente bei dir, in denen du deinen Weg hinterfragt hast?

Existenzängste gehören natürlich dazu. Ich hatte am Anfang nur 3000 Euro in der Tasche. Aber ich wusste, in Chiang Mai in Thailand kann ich damit sechs Monate leben.

Was hilft einem am besten auf die Sprünge, wenn man anfangs unsicher ist?

Viele Leute würden gerne etwas verändern und ortsunabhängig sein, aber bleiben in ihrem Leben stecken. Ich finde es unglaublich wichtig, dass man sich mit Leuten umgibt, die ein ähnliches Ziel vor Augen haben oder vielleicht schon leben. Anders hätten wir es alle nicht geschafft. Keiner ist eine Insel.

Kann man bei so einem Leben eigentlich eine Beziehung führen?

Diese Frage höre ich oft: Conni, was ist, wenn du morgen deine Traumfrau kennenlernst? Und was ist, wenn sie in einer klassischen Festanstellung arbeitet, Kinder haben und ein Haus bauen will? Meine Antwort: Wie kann das meine Traumfrau sein? Man kann sicherlich Kompromisse finden, aber mir ist es schon wichtig, dass ich das Leben, das ich führe, auch mit meiner Partnerin teilen kann. Man sollte ähnliche Vorstellungen haben.

Gibt es etwas, das du in deinem Nomadenleben vermisst? Deine Familie? Eigene Möbel? Einen festen Freundeskreis, den man regelmäßig auch persönlich treffen kann ...

Meine Mama ist mir schon sehr wichtig und ich finde es auch schön, wenn ich alte Freunde in Berlin wiedertreffe. Aber für mich findet das Leben im Hier und Jetzt statt. Gerade bin ich im spanischen Tarifa, die Sonne scheint, es ist windig draußen und ich habe nette Freunde um mich herum. Ansonsten: Alles, was ich an materiellen Dingen brauche, passt in einen Rucksack.

Connis digitale Arbeitswelt:
www.planetbackpack.de
www.blog-camp.de
www.conni.me/digitalenomaden
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"Unsere Bewegung wird immer größer"

Der Macher: Marcus Meurer, 37, Gründer der ersten Konferenz für Digitale Nomaden (DNX)

Von Burnout keine Spur: Marcus Meurer und seine Freundin Felicia Hargarten genießen das ortsunabhängige Leben zu zweit
Marcus Meurer, 37, hat zusammen mit seiner Freundin Felicia Hargarten die erste Konferenz für Digitale Nomaden (DNX) in Berlin (siehe Kasten unten) gegründet und ist leidenschaftlicher Online-Unternehmer. 2012 hat er seinen Job als Marketing-Manager gekündigt und verdient seitdem seinen Lebens-unterhalt ortsunabhängig. Zusammen betreibt das Pärchen auch das Reiseblog "Travelicia".


Marcus, du hast gerade erfolgreich das dritte Konferenz- und Workshop-Wochenende für Digitale Nomaden in Berlin über die Bühne gebracht. Hast du jetzt endlich Zeit zum Entspannen?

Du bist gut. Ich sitze gerade in Tarifa, Südspanien, auf der Dachterrasse, kann von hier aus das Meer sehen und arbeite an meinen Projekten.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Gerade wenn man an den geilsten Orten der Welt ist, braucht man Routinen und eine feste Struktur. Ich mache jeden Morgen Sport, meditiere und starte dann mit der wichtigsten Aufgabe in den Arbeitstag. Um genug Fokus dafür zu haben, checke ich erst danach mein E-Mail-Postfach und die Social-Media-Websites.

Wie kam es dazu, dass du und deine Freundin Feli zu Digitalen Nomaden wurden?

Das war nicht so geplant. Wir hatten beide unsere Jobs bei Berliner Start-ups gekündigt. Ich wollte mich eigentlich selbstständig machen, Feli ein halbes Jahr in Südostasien herumreisen. Doch es kam alles anders: Ich bin mit nach Asien gekommen und wir haben unterwegs gemeinsam die ersten Online-Projekte gestartet. Dieses Gefühl, als wir uns in die Augen geschaut und begriffen haben, dass man von überall auf der Welt arbeiten kann, werde ich nie vergessen!

Habt ihr noch einen festen Wohnsitz?

Wir haben keine feste Wohnung mehr, sondern sind überall auf der Welt zu Hause. Wenn wir in unserer Homebase Berlin sind, suchen wir uns dort etwas zur Untermiete für ein paar Wochen.

Hat sich seit eurer ersten DNX-Konferenz 2014 und eurer dritten jetzt im Mai viel getan? Wird das Digitale Nomadendasein immer populärer?

Die Bewegung wird weltweit und gerade auch in Deutschland immer größer. Das macht sich auch auf unseren DNX-Events bemerkbar: Im Mai hatten sich über 500 Teilnehmer aus Deutschland angemeldet. Am 1. August 2015 veranstalten wir die erste internationale DNX GLOBAL, dafür gibt es schon Anfragen aus 25 verschiedenen Ländern. Im Oktober 2015 wird die vierte deutsche DNX stattfinden. Und gerade sind wir in Tarifa, Südspanien, bei unserem ersten DNX-Camp. Wir arbeiten dort mit anderen Digitalen Nomaden zusammen, verbringen unsere Freizeit gemeinsam, treiben Sport und ernähren uns gesund.

Mit welcher Tätigkeit finanzierst du hauptsächlich dein Leben und wie viel Geld brauchst du mindestens, um einigermaßen komfortabel zu leben?

Meine Einnahmen setzen sich hauptsächlich aus dem Reiseblog Travelicia und den DNX-Events zusammen. Je nach Destination brauche im Monat durchschnittlich 1500 Euro.

Was fasziniert dich an diesem Leben besonders?

Die ultimative Freiheit, an jedem Ort der Welt arbeiten und meinen Träumen folgen zu können. Und die Möglichkeit, nachhaltige Projekte voranzutreiben.

Welche Destinationen habt ihr zuletzt bereist?

Letztes Jahr waren wir in Mexiko, in Guatemala, in Belize, auf dem Karibik-Eiland Utila, in Honduras, in Italien, auf Gran Canaria, in Brasilien und in Kolumbien. Dieses Jahr haben wir in Curacao, Deutschland und Spanien gelebt.

Beeindruckend viele Ziele. Was steht für 2015 noch auf der Reiseagenda?

Nach der DNX-Global bieten wir ein DNX-Camp in Portugal und im Dezember eines in Brasilien an. Im Winter wollen wir nach Australien, Neuseeland und Asien.

Wo arbeitest du am liebsten?

Wir sind gerne in Coworking-Camps für Digitale Nomaden wie dem Surf Office. Das DNX-Camp in Tarifa veranstalten wir im Coworking-Hostel "La Cocotera". Der Vorteil von Coworking-Spaces ist, dass dort viele Gleichgesinnte abhängen.

Wenn man die Beraterseiten im Netz anschaut, wirkt alles so einfach: Du willst eine Veränderung in deinem Leben, du willst keinen 9-5-Job, was hält dich auf? Ist es wirklich so simpel?

Einfach ist der Weg zum Digitalen Nomaden nicht, aber er ist auf jeden Fall machbar. Du brauchst einen starken Willen, Durchhaltevermögen und gleichgesinnte Menschen um dich herum. Gerade am Anfang macht es Sinn, die Kosten zu senken und unnötigen Ballast loszuwerden. Die größte Herausforderung besteht darin, an den geilsten Orten der Welt diszipliniert zu bleiben. Das gelingt uns immer wieder sehr gut. Neue Orte inspirieren uns und wir sind unterwegs sogar noch produktiver als in Berlin.

Gibt es etwas, das du bei deinem Nomadenleben vermisst? Deine Familie? Eigene Möbel? Einen festen Freundeskreis, den man regelmäßig auch persönlich treffen kann...

Ich vermisse gar nichts. Meine wichtigsten Freunde sind auch Digitale Nomaden, mit denen ich mich überall auf der Welt treffe. Wir werden glücklicherweise immer mehr und die Szene ist immer besser vernetzt. Mit alten Freunden und mit meiner Familie treffe ich mich, wenn wir im Sommer in Deutschland sind. Wenn wir "on the road” sind, skypen wir regelmäßig.

Glaubst du, dass man auch als Familie nomadisch unterwegs sein kann?

Bis zur Schulpflicht mit sechs Jahren kann man auch als Familie wunderbar nomadisch unterwegs sein. Unser Freund Tom von der Familie ohne Grenzen hat bei der letzten DNX zu diesem Thema einen Vortrag gehalten. Danach war auch den letzten Skeptikern klar: Wo ein Wille ist, da auch ein Weg.

Ist die Fremde auch manchmal befremdlich – man hat Zahnweh, Heimweh, vermisst sogar den schlecht gelaunten Kassierer zuhause im Supermarkt um die Ecke?

Nein, schon gar nicht den schlecht gelaunten Kassierer. Unterwegs ist man auch ärztlich gut versorgt und abgesichert. Viele Krankenhäuser beispielsweise in Thailand und Indonesien sind um Klassen besser ausgestattet als in Deutschland oder Italien; das Personal ist top ausgebildet.

Welcher Ort hat dir bisher am besten gefallen und welcher eignet sich am besten fürs ortsunabhängige Arbeiten?

Mich haben die Philippinen mit ihren vielen unbewohnten Inseln und Traumstränden nachhaltig beeindruckt. Es gibt immer mehr Hotspots für Digitale Nomaden auf der Welt, an denen man beste Voraussetzungen für das freie Arbeiten findet, wie auf Bali, in Berlin, Medellin, Chiang Mai oder Portland.

Du hast sicher sehr viele Digitale Nomaden kennengelernt. Gibt es jemanden, der dich jüngst noch einmal überrascht hat?

Wir bekommen regelmäßig Mails zu neuen Ideen und Projekten. Hier in Tarifa habe ich beispielsweise jemanden kennengelernt, der sein Geld durch das Traden an der Börse verdient, sehr spannend!

Marcus´ digitale Arbeitswelt:
www.dnx-berlin.de
www.dnxglobal.com
www.travelicia.de

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"Zurückkommen kann man immer!"

Das Greenhorn: Anja Greszik, 32, aus Hamburg, arbeitet frei als Journalistin und Social-Media-Beraterin

Musik im Ohr, Träume im Kopf: Anja Greszik, Spitzname "Kopfkindchen", will das ortsunabhängige Leben ausprobieren
Anja Greszik aus Hamburg ist Journalistin und arbeitet seit 2013 als selbständige Social-Media-Beraterin. Anzutreffen ist sie auf allen Kanälen der digitalen Welt wie Twitter, Facebook, Instagram oder Foursquare. Die 32-Jährige hält auch Vorträge über ihre Arbeit, etwa auf dem Facebook-Barcamp.

Anja, du überlegst dir gerade, ortsunabhängig zu arbeiten. Hast du schon erste Erfahrungen damit gemacht?

Noch hab ich nur kleine Schritte gewagt. Quasi als „Soft Nomade“. Mal sechs Wochen auf den Cookinseln, mal zwei in der Karibik, oder ein paar Tage in einer anderen Stadt, meist jedoch klassisch verbunden mit Urlaub. Dass der Laptop immer mit dabei ist, ist für mich mittlerweile normal. Im September fliege ich zum DNX-Camp nach Lissabon, um viele aufregende Menschen zu treffen und mit ihnen zu arbeiten. Der ganz große Schritt steht aber am Ende diesen Jahres an: Dann möchte ich zum ersten Mal für mehrere Monate komplett unterwegs sein.

Konntest du an Traumdestinationen wie der Südsee auch wirklich effektiv arbeiten?

Auf der Insel Rarotonga war jede Minute zu viel im Internet eine Minute zu wenig im Wasser. Ich hatte sogar das Gefühl, konzentrierter arbeiten zu können und in wenig Zeit viel mehr zu schaffen, weil immer das Ziel da war, sich möglichst schnell wieder auf der Insel auszutoben und das Leben dort einzuatmen. Hier in Deutschland ertappe ich mich viel zu häufig dabei, im Internet herumzusurfen oder mich in Themen zu verlieren. Und zack, sind zwei Stunden unproduktiv vorbeigezogen.

Kein Haken?

Doch. Das einzige Problem war die Internetverbindung. Zu der Zeit habe ich für ein TV Magazin gearbeitet und musste täglich neue Trailer anschauen oder hochladen. Da auf den Cook Inseln nach Datenvolumen abgerechnet wird, hat das mein Budget ziemlich gesprengt. Das nächste Mal bin ich besser informiert.

Wie bist du auf das Thema gestoßen?

Bis 2013 war ich als Onlineredakteurin und Social-Media-Managerin festangestellt – dann hat mein Freundeskreis mich auf die Idee gebracht, mich selbstständig zu machen. Viele von ihnen arbeiten selbständig und die Freiheit, die sie dabei haben, fand ich unglaublich erstrebenswert. Aber erst einmal war da die Angst: Schaffe ich das? Kriege ich genügend Kunden? Habe ich Sicherheiten? Knapp zweieinhalb Jahre später schmunzele ich darüber und stehe vor der nächsten Herausforderung: Kann ich meine Kunden halten, wenn ich überall auf der Welt arbeite?

Hast du schon Digitale Nomaden kennengelernt, die dich in deinem Weg bestärkt haben?

Ja, auf Konferenzen wie der DNX in Berlin habe ich unglaublich inspirierende Menschen getroffen. Menschen, die gefühlt Unmögliches wahrmachen und ein Leben leben, das in mir den großen Wunsch auslöst: „ICH WILL AUCH!“ Wenn ich es nie ausprobiere, kann ich nie beurteilen, ob es für mich passt – oder nur eine fixe Idee von Weltenbummlern ist, die "irgendwie so durchkommen“. Try and error. Zurückkommen kann man immer.

Was fasziniert dich am Arbeiten von unterwegs?

Der Gedanke, 9-5 im Büro sitzen zu müssen – egal, ob viel zu tun ist oder nicht – hat mir schon früher Angst gemacht. Und das, obwohl ich die liebsten Kollegen hatte, die noch immer meine besten Freunde sind. Ich war immer dann am kreativsten in meinem Job, wenn ich frei und unabhängig arbeiten konnte. Mit meinen Regeln, mit meinem Zeitplan und an einem Ort, der mich entspannt. Das war in den seltensten Fällen ein graues Büro mit Blick auf eine Wand voller Excel Tabellen.

Hat es dich schon immer raus in die Welt gezogen?

Mein Vater hat mir und meinen Geschwister früh ermöglicht, viel zu reisen. Asien, Amerika, Europa. Das Entdecken neuer Orte und fremder Kulturen hat mich fasziniert und ich liebe das Gefühl, kurz vor dem Abflug aufgeregt am Flughafen zu sitzen, wohlwissend, dass nach der Landung eine neue Welt wartet, die erkundet werden will. Der Gedanke, am Ende der Reise wieder ins graue Deutschland zurückzukommen, wo viel zu viel gemeckert und gejammert wird, sorgt bei mir für miese Laune.

Meine Wohnung, mein Fahrrad, meine Stadt, mein Café nebenan – hättest du Angst, irgendetwas im Nomadenleben zu vermissen?

Meine Wohnung gibt mir zwar Ruhe und Geborgenheit, trotzdem war ich nie der Typ, der ein Reihenhaus mit Hund und Garten haben und sich somit dauerhaft an einen Ort binden will. Hamburg ist ja angeblich „die schönste Stadt der Welt“, aber sagen das nicht nur die Leute, die die Welt kaum gesehen haben? Wenn ich morgens die Alster entlang radele, an Planten und Blomen vorbei zu den Landungsbrücken, dann unterschreibe ich das gerne. Und es ist ein tolles Gefühl, wenn der Bäcker dich grüßt oder du jeden Sonntag in gewohnter Runde im gleichen Café frühstückst. Aber ist das nur wohltuende Gewohnheit oder wirkliches Glück?

Du bist freie Social-Media-Beraterin – ist das ortsunabhängige Arbeiten in diesem Berufsfeld vorstellbar?

Mein Job zählt zum Glück zu denen, die für ortsunabhängiges Arbeiten nahezu wie geschaffen sind. Ich brauche einen Laptop, Internet und ein Telefon. Mehr nicht. Wenn die Kunden aufgeschlossen genug sind, reichen Skype und E-mail völlig aus, um ein Projekt durchzuführen.

Bestehen manche Kunden nicht auf Ortstermine?

Natürlich. Das ermögliche ich auch, so oft es geht, damit die Auftraggeber Vertrauen in mich und meine Arbeit aufbauen können. Ist dann vor Ort eine gute Basis für eine längere Zusammenarbeit gewachsen, fällt es nachher leichter, den Job mitzunehmen auf Reisen.

Was könnten deiner Meinung nach die Hürden sein?

Ich bin ganz ehrlich: Meine größte Sorge ist es nicht, zu gehen. Sondern die Angst, vielleicht nicht wiederzukommen. Jede Reise hat für mich etwas Erfüllendes. Das Wort Wanderlust trifft es dabei sehr gut. Die Lust, zu wandern. Unterwegs zu sein. Nicht wegzurennen, sondern bewusst gehen zu wollen. Auf der anderen Seite liebe ich meine Freunde in Hamburg und kann mir kaum vorstellen, sie nicht mehr zu sehen. Sie erden mich und motivieren mich, wenn ich nicht vorankomme oder in einer Krise festhänge. Kein Skype-Gespräch der Welt kann halt eine liebe Umarmung ersetzen.

Willst du mit einem Fuß in deiner Wahlheimat bleiben?

Ja, Hamburg wird immer eine Homebase bleiben, zumal mein Freund von hier stammt und sehr verbunden mit dieser Stadt ist. Dauerhaft auszuwandern, das ist aktuell noch unvorstellbar. Aber wer weiß: Vielleicht finde ich ja dort das perfekte Fleckchen Erde, wo ich es am wenigsten erwarte.

In welchen Ländern würdest du gerne einmal länger Zeit verbringen?

Mich reizen warme Klimazonen, um der Kälte hier zu entfliehen. Indonesien, Malaysia oder die Philippinen sind daher erste Wunschziele im Winter, wenn Europa in grauem Nebel versinkt. Mexiko und Panama haben auch eine anziehende Wirkung auf mich aufgrund der Kultur. Großartig fände ich auch Australien und Neuseeland, selbst wenn das Leben dort ziemlich teuer sein kann. Der Gedanke an die wundervolle Natur und die Weite ist so umwerfend und gibt einem sicher ein ganz neues Gefühl von Freiheit. Dafür lohnt es sich hoffentlich, zu sparen und vorher auf einiges zu verzichten.

Anjas Website: About.me/kopfkind

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"Digitale Nomaden sind Menschen wie du und ich"

Der Neueinsteiger: Thorsten Kolsch, 35, drehte den Dokumentarfilm "Deutschland zieht aus"

"Ich bin der Kurztrip-Typ": Als Medienunternehmer arbeitet Thorsten etwa drei Tage wöchentlich in Hamburg, sonst auf Reisen
Thorsten Kolsch, gebürtiger Dortmunder, war fasziniert von der Idee, ohne festen Wohnsitz zu leben und zu arbeiten. Um herauszufinden, ob dieser Lebensstil etwas für ihn ist, hat er Digitale Nomaden besucht. Daraus ist 2014 der Dokumentarfilm „Deutschland zieht aus“ entstanden. Mittlerweile lebt der 35-Jährige selbst als rastloser Laptop-Arbeiter. Er betreibt die Medienfirma „thokomedia“, ist Content-Profi, schreibt als freier Autor und macht Musik-Marketing.


Thorsten, du hast dir 2014 bei deinem Dokumentarfilm „Deutschland zieht aus“ so schön salopp die Frage gestellt: „Scheint denen die Sonne aus dem Arsch?“ Was würdest du mittlerweile darauf antworten? 



Heute würde ich die Frage mit Nein beantworten, weil sie sehr hart arbeiten. Manche sogar bis zu 70 Stunden die Woche. Aber das machen sie gerne, weil sie wissen, wofür sie arbeiten. Weil sie ein Online-Geschäft aufgebaut haben, das ihrer Leidenschaft entspricht. Wenn ich in die vielen entspannten Gesichter schaue, sehe ich keine Spur von Burnout, das ist ja ein großes Thema heute bei Festangestellten.



Digitale Nomaden werden gerade als neue Helden der Arbeit gefeiert...



In meinem Film habe ich mit dem Mythos etwas aufgeräumt: Digitale Nomaden sind natürlich auch Menschen wie du und ich – nur mit dem Unterschied, dass sie sich dafür entschieden haben, ein freieres Leben zu führen. 



Wie bist du auf das Thema gestoßen? 



Ich habe für ein Jahr die Wohnung einer Freundin in Hamburg-Blankenese gehütet, während sie auf Weltreise war: Auf ihre Katze aufgepasst, die Pflanzen mehr schlecht als recht gegossen und ein wenig in ihrer Weltreise-Lektüre geschmökert. Meine eigene Wohnung auf der Reeperbahn hatte ich dafür gekündigt, den Hausrat zwischengelagert. Das hat den Ausschlag gegeben, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Ich habe bei Google Arbeit und Reise eingegeben und bin auf Digitale Nomaden wie Conni Biesalski und Sebastian Canaves gestoßen. Eigentlich wollte ich mit meinem Geschäftspartner Tim Jonischkat einen Imagefilm über meine Firma drehen, daraus ist dann ein Dokumentarfilm über Digitale Nomaden geworden. 



Im Film dokumentierst du deinen eigenen Weg zum ortsunabhängigen Arbeiten, gleichzeitig stellst du die bekanntesten Nomaden Deutschlands vor. Gab es jemanden unter ihnen, der dich besonders inspiriert hat? 



Alle waren auf ihre Weise spannend, das hat mich auch in meiner eigenen Entscheidung bestärkt. Der größte gemeinsame Nenner war, dass sie alle einen Weg gefunden haben, sich von den Fesseln eines Bürostuhls zu lösen, ob als freier Architekt oder als Marketingprofi. 



Gab es etwas, das dich erstaunt hat?

Ein paar von ihnen zahlen nicht in die Rente ein. Sie sagen voller Selbstbewusstsein: Ja! Auch in 50 Jahren werde ich noch erfolgreich sein. Das hat mich überrascht und mich selbst auch ins Grübeln gebracht. Es ist interessant, ein Geschäftsmodell mit einem passiven Einkommen zu entwickeln, in dem man nicht mehr abhängig ist – auch nicht von Auftraggebern.

Hast du dich auch von allen Sicherheitsnetzen verabschiedet?



Ich habe zumindest meine private Rentenversicherung gekündigt. Aber ich lege schon einen Batzen Geld im Monat zurück, um vorzusorgen. Aber das muss jeder für sich individuell entscheiden. 



Was ist mit einer eigenen Wohnung?



Im Juli letzten Jahres habe ich meinen Hausrat als letzte Instanz – im Rahmen der Filmarbeiten – komplett aufgegeben und einem dankbaren Abnehmer zu einem Spottpreis überlassen. Bis heute vermisse ich nichts davon. Aber natürlich lebe ich nicht unter der Brücke, sondern meistens bei meinem Partner, bei Freunden oder in Airbnb-Wohnungen, je nachdem, wie es gerade passt. 



Ist dir das wirklich so leicht gefallen? 



Ich bin Minimalist. Als ich bei meinen Eltern ausgezogen bin, haben sie sich beschwert, dass ich immer noch keine Bilder an der Wand hängen habe. Und ich habe gesagt, ja, aber nächstes Jahr ziehe ich doch wahrscheinlich sowieso wieder aus. In den letzten zehn Jahren bin ich wirklich achtmal umgezogen und habe dabei jedes Mal entrümpelt. Das fiel mir nicht schwer. Ich hab mir noch nie wirklich viel aus Dingen gemacht. Jetzt so zu leben, das ist für mich fast eine logische Konsequenz.



Ich habe gelesen, deine Mutter denkt bei Nomaden an Leute, die ihre Miete nicht zahlen und Wohnungen verwüsten. Hat sie ihre Meinung geändert?

Ja natürlich, wir reden ja oft. Es ging auch eher um die Begrifflichkeit. Wenn man nicht an die Mongolei und ihre Wüstennomaden, sondern an Industrienationen denkt, dann assoziiert man damit meistens Mietnomaden. Aber dieser gedankliche Brückenschlag wird ja gerade abgelöst durch die Digitalen Nomaden.



Auf deiner Website steht eine Adresse in Berlin – was hat es damit auf sich?



Die Adresse in Berlin ist eine virtuelle Nomadenadresse, das ist quasi mein Briefkasten. 



Musst du immer nach Berlin reisen, um deine Post abzuholen?



Nein, natürlich nicht. Es gibt einen Anbieter namens Dropscan, der meine physische Post einscannt und sie mir per Email zuschickt. Ich bekomme sie also immer, egal wo ich bin. Übrigens habe ich auch eine Berliner Nummer. Wenn man dort anruft, erreicht man mein E-Büro – eine freundliche, persönliche Stimme, die sich in meinen Namen meldet, sich ein paar Notizen über den Grund des Anrufs macht, die Kontaktdaten aufschreibt und mir per E-mail dann alles schickt.

Wie praktisch! Wie sieht dein Leben als ortsunabhängiger Unternehmer aus? Heute in Asien, morgen in New York?

Deutschland und Europa haben auch schöne Ecken, es muss nicht immer Thailand sein. Ich bin eher der Kurztrip-Typ. In den letzten Wochen war ich zum Beispiel auf Sylt, auf Mallorca und natürlich auf der DNX, der Digitalen-Nomaden-Konferenz, in Berlin. Morgen geht es nach Bologna. Zwei bis drei Tage die Woche arbeite ich in der Regel von Hamburg aus. Das ist meine Homebase, hier sind meine Kunden, meine Freunde. Ich finde es gut, einen Rückzugsort zu haben.

Wo arbeitest du, in freien Büros oder am Strand?

Ich arbeite sehr gerne in der Bahn. Wenn ich die Landschaften an mir vorbeiziehen sehe, kommen mir die besten Ideen. Ich bin kreativer und kann besser schreiben, wenn ich mich nicht in vier Wänden einschließe. Oft arbeite ich auch beim Auftraggeber oder in Coworking-Spaces – wie es gerade am besten passt.

Immer Internet zu haben, das ist wichtig für einen ortsunabhängigen Job – wo surft man am besten?

Vor längerer Zeit war ich in Goa in Indien, quasi am Ende der Welt. Dort gab es eine Strandbar direkt am Meer mit dem schnellsten, kostenlosen WLAN. Das hat mich schon fast irritiert. Deutschland hängt als Industrienation immer noch hinterher, zuletzt habe ich in einem Hotel 5 Euro für eine Stunde WLAN bezahlt. In Dublin gibt es in Bussen kostenloses Highspeed-WLAN, in Budapest haben sogar herunter gerockte S-Bahnen eine Abdeckung.

Du bist gelernter Kaufmann für audiovisuelle Medien, Autor, Filmemacher, du berätst Firmen bei der Konzeption großer Web-Projekte. Da gerät man schnell durcheinander. Mit was verdienst du hauptsächlich deinen Lebensunterhalt?

Ich arbeite in mehreren Berufsfeldern, das macht es ja auch so spannend und vielfältig. Mal schreibe ich Artikel, dann sitze ich mit einem Kunden zusammen und bespreche ein neues Webprojekt. Momentan verdiene ich einen großen Teil meines Lebensunterhalts durch Musikmarketing, das liegt auch nahe, weil ich mit einer Ausbildung bei einer Plattenfirma begonnen habe.

Hattest du von Anfang an so viele Standbeine?

Am Anfang meiner Selbständigkeit vor rund vier Jahren war ich erst einmal dankbar, dass ich einen Auftraggeber hatte, der mich rund um die Uhr beschäftigte. Aber man muss man aufpassen, dass daraus keine Scheinselbstständigkeit wird. Außerdem begibt man sich damit wieder in eine Abhängigkeit – am Ende ist so ein eingleisiges Freelancen auch nichts anderes als ein Angestelltendasein.

Was sind deiner Meinung nach die Herausforderungen am ortsunabhängigen Arbeiten – was sollte man mitbringen?

Ein gutes Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen ist entscheidend. Denn man hat nicht immer nur Rücken-, sondern auch viel Gegenwind. Wichtig ist auch, dass man diese Entscheidung nicht auf Biegen und Brechen durchzieht, sondern sich Zeit damit lässt und erst einmal ein vernünftiges berufliches Netzwerk aufbaut. Bei mir war es auch ein längerer Prozess. Bis 2011 war ich gut elf Jahre festangestellt. Ich hatte sogar noch einen Arbeitsvertrag auf dem Tisch liegen, den ich gegen die Selbständigkeit eingetauscht habe. Bis heute fahre ich gut damit.

Thorstens digitale Arbeitswelt:
www.thokomedia.de
www.deutschland-zieht-aus.de
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"Die Diagnose hat mein Leben verändert"

Die Durchstarterin: Veronika Fuetterer, 29, bietet Marketing-Tools im Netz an und betreibt das Blog "Workwhiletravel".

Am liebsten in Australien mit ihrem Van unterwegs: Veronika ist gerne auf Reisen und schreibt auch über Ernährung und Gesundheit
Veronika Fuetterer, in Alma-Ata in Kasachstan geboren und in Voerde am Niederrhein aufgewachsen, arbeitet als ortsunabhängige Unternehmerin. Die 29-Jährige betreibt die Marketing-Dienstleistungs-Seite "AdsRoom". Ihr zweites Standbein in der digitalen Welt ist seit 2015 ihr Blog "Workwhiletravel".

Veronika, wie kann man sich dein Leben vorstellen: Sitzt du mit einem Laptop an den schönsten Stränden?

Oft ist mein Arbeitsplatz auch ein Van, ein wunderschöner, kleiner Coffee-Shop oder ein botanischer Garten. Beim Reisen bevorzuge ich Cafés. An der Gold Coast in Australien arbeite ich auch öfter in einem IT-Coworking-Büro in Southport oder Tweed Heads.

Hast du einen Rückzugsort oder reist du nur mit einem Handkoffer zur nächsten Destination?

Beides. Als „Homebase“ habe ich mir Australien ausgesucht. Manchmal lebe ich hier in einem Appartement für drei bis sechs Monate, dann wieder in einem Van, während ich reise, oder ich couchsurfe durch das Land. Meistens verbringe ich mindestens zwei Wochen an einem Ort. Das gibt mir die Möglichkeit, Arbeit und Freizeit besser einzuteilen. Im September geht es nach Thailand und Europa.

Du schreibst auf deiner Seite, dass bei dir nach deiner Abreise aus Deutschland Krebs diagnostiziert wurde – ein harter Einschnitt im Leben ...

Ich war 25 Jahre alt, am Anfang meiner Träume und ganz alleine in Australien, als ich die Diagnose bekam. Ein schwerer Schlag. Krebs verbindet man ja schnell mit Tod. Ich habe beschlossen, diese Phase meines Lebens alleine zu schultern, keiner wusste davon. In dieser Zeit habe ich sehr viel über mich und meinen Körper gelernt. Es hat mich komplett verändert. Ich lebe heute sehr gesund; Sport, Meditation und gute Ernährung sind Hauptbestandteile meines Lebens, egal, wo ich bin. Genau über diese Themen schreibe ich auch regelmäßig in meinem Blog.

Gab die Diagnose auch den Ausschlag für ein nomadisches Leben?

Sie hat mir ganz klar gezeigt, wie schnell sich das Leben ändern kann. Es wurde zu meinem übergeordneten Ziel, Freiheit zu haben und 100 Prozent unabhängig von einem Ort oder einem Job zu sein. Dass mir dieser Lebensstil auch noch die Möglichkeit gibt, die Welt zu sehen, ist ein Bonus.

Wie geht es dir heute?

Zum Glück habe ich alles gut überstanden und bin wieder bei bester Gesundheit.

Wie verdienst du deinen Lebensunterhalt?

Hauptsächlich über meine Seite "AdsRoom". Das ist ein voll automatisiertes Online-Marketing-Tool, das kleinen und mittelständischen Unternehmen eine bessere Kundenkommunikation ermöglicht. Mein zweites Standbein ist seit 2015 mein Blog "Workwhiletravel.me". Hier schreibe ich über meine Abenteuer, über die Themen Gesundheit und Business und gebe Reisetipps, wie man zum Beispiel einfach und günstig Flüge, Hotels oder Urlaubspakete buchen kann.

Wie würdest du deinen Alltag beschreiben?

Das Schöne an meinem Job sind flexible Arbeitszeiten. Ich liebe es zum Beispiel, mir den Montag komplett frei zu nehmen und ihn an einem einsamen Strand oder in einem Regenwald zu genießen, während andere in eine weitere 9-5 Woche starten. Aber dadurch, dass ich meinen Job liebe, arbeite ich die Woche über oft mehr, als vielleicht andere in einer Festanstellung. Es kann schnell passieren, dass ich bis 22 Uhr an einem Artikel sitze.

Was brauchst du zum Arbeiten?

Mein Handy, eine Fotokamera, ein Laptop, Kopfhörer und natürlich das Internet. Auch ein Backup auf einem Online-Server, auf dem ich von jedem Computer aus auf meine Daten zugreifen kann, ist wichtig; mein Laptop war schon oft defekt oder wurde geklaut und auch eine externe Festplatte kann kaputt gehen.

Wie suchst du dir deine Unterkünfte? Über Airbnb?

Vieles ergibt sich auch vor Ort. Die meisten Unterkünfte recherchiere ich über Booking.com oder Couchsurfing.com, in Australien ist Gumtree.com.au ein guter Tipp, um spontan gute Unterkünfte zu finden. Airbnb hat mich noch nicht ganz überzeugt.

Auf deiner Website gewinnt man den Eindruck, dein Alltag ist einfach nur aufregend und bunt. Gibt es auch Herausforderungen?

Absolut. Das Leben einer Digitalen Nomadin ist mit zielstrebiger Arbeit verbunden. Ich musste lernen sehr genau, sehr schnell und präzise zu arbeiten, um das Beste aus meiner Zeit an traumhaften Orten dieser Welt herauszuholen. Anfangs war es auch eine große Herausforderung, ein komplett papierloses Unternehmen aufzubauen und meinen Kunden das nahezubringen – alles funktioniert ausschließlich digital.

Ist die Fremde auch manchmal befremdlich – man hat Zahn- oder Heimweh?

Ehrlich gesagt, nein. Anfangs hatte ich ein bisschen Heimweh und vermisste meine Freunde und meine Familie. Aber heute sind die Kommunikationsmöglichkeiten besser als damals: Ich habe täglich via Whatsapp oder Skype Kontakt zu ihnen, außerdem reise ich zweimal im Jahr nach Deutschland. Manchmal finde ich es schade, dass ich zum Beispiel den Geburtstag meiner zweijährigen Nichte verpasse. Aber bei dringenden Situationen bin ich flexibel genug, um innerhalb von 32 Stunden überall auf der Welt zu sein.

Viele Leute träumen davon, ortsunabhängig zu arbeiten. Was sollte man deiner Meinung an persönlichen Stärken mitbringen, damit das auch klappt?

Jeder Tag kann Unerwartetes mit sich bringen. Daher ist es wichtig, dass man auch loslassen kann, entspannt bleibt und das Beste aus der Situation macht. Auch Kreativität, Zielstrebigkeit und Flexibilität sind wichtig. Auf jeden Fall sollte man offen für Neues und lernbegierig sein, etwa wenn es darum geht, mit so wenig wie möglich auszukommen. Reisen mit viel Gepäck ist sehr lästig.

Wie suchst du dir deine Destinationen aus?

Nach meinen Interessen und denen meiner Kunden. Zudem treffe ich mich mit anderen digitalen Nomaden zum Networken, etwa zum gemeinsamen Reisen oder für Videodrehs. Letztes Jahr war ich in Malaysia, Thailand, England, in der Tschechischen Republik, in den Niederlanden und in Deutschland. Meine Reiseziele können sich allerdings jede Woche ändern. Flexibel zu bleiben, gehört für mich zum nomadischen Lebensstil dazu.

Welcher Ort hat dir bisher am besten gefallen und welcher eignet sich am besten fürs ortsunabhängige Arbeiten?

Mir persönlich gefällt Australien am besten – ein Land mit vielen Möglichkeiten und atemberaubenden Orten. Allerdings ist es nicht gerade einfach, in so einem hochpreisigen Land ein digitales Unternehmen aufzubauen. Ein Paradies für Digitale Nomaden ist dagegen Thailand. Hier kann man günstig leben und reisen, es gibt fast überall schnelles und kostenloses Internet. Außerdem sind dort viele Gleichgesinnte, mit denen man zusammenarbeiten und von denen man lernen kann.

Veronikas digitale Arbeitswelt:
www.adsroom.com.au
Workwhiletravel.me

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"Viele denken sich sofort: Das geht doch nicht!"

Der ortsunabhängige Architekt: Tim Chimoy, 34, lebt und arbeitet vor allem in Berlin, Bangkok und Saigon

"Das soziale Netzwerk ist mir wichtig": Tim tingelt nicht permanent um die Welt, trotzdem ist das Reisefieber ständig wach
Architekt Tim Chimoy, 34, gebürtig aus Köln, hat bereits während seines Studiums jede Chance genutzt hat, um viel Zeit im Ausland zu verbringen. Vom Reisefieber ist er nie geheilt worden, das ist auch der Grund für das Reiseblog "Stilnomaden", das er mit zwei Freunden gegründet hat. Seit nahezu vier Jahren arbeitet er mit seiner Firma "Tusche Team" als ortsunabhängiger Unternehmer, überwiegend in Berlin, Bangkok und Saigon. In seinem Blog "Earthcity" gibt er Tipps, wie man das am besten hinbekommt.

Tim, du bist aktuell in Bangkok. Was brauchst du für deinen Job und wie kann man sich deinen Arbeitsalltag vorstellen?



Eigentlich nur meinen Laptop, ein Smartphone, ein gutes Mikro für mein wöchentliches Podcast und Kopfhörer. Morgens brauche ich immer ein bisschen länger, bis mein Kopf warm läuft. Deswegen nutze ich die Zeit vormittags für Sport, zum Lesen und zur Entspannung. Um 12 Uhr mittags fange ich in der Regel an, effizient zu arbeiten, manchmal bis zu zehn Stunden. Ein oder zwei Tage die Woche nehme ich mir bildschirmfreie Tage. 



Wo arbeitest du?



Am besten gefällt mir das „One Day - Pause and Forward“, ein gemütliches und relativ neues Coworking-Space auf der Sukhumvit. Dort kann man für 300 Baht, also für ca. 6 Euro am Tag seinen eigenen Arbeitsplatz mieten, mit Schreibtisch und WLAN. Ab und an bin ich auch im „Launch Pad“, in dem viele Start-ups sitzen. Die Atmosphäre dort ist etwas steriler, die Kleidung förmlicher, aber es ist trotzdem besser als jedes Büro. 



Du bezeichnest dich als Digitalen Nomaden. Was verstehst du darunter? 



Es gibt ganz unterschiedliche Interpretationen: Für mich bedeutet es, als ortsunabhängiger Unternehmer zu arbeiten. Ich kenne aber auch Leute, die sagen, als Digitaler Nomade müsse man ständig heimatlos um die Welt tingeln. Das mache ich nur bedingt – ich arbeite gerade hauptsächlich von Bangkok, Saigon oder Berlin aus. Es gibt hier viele, die wie ich ortsunabhängig ihr eigenes Geschäft betreiben. Und zudem gibt in allen Städten eine blühende Start-up-Szene.

Warum Bangkok?



Ich arbeite jetzt seit drei Jahren regelmäßig hier, vorher habe ich öfter in Südostasien Zeit verbracht zum Reisen. Über die Jahre ist die Stadt für mich zu einem Zuhause geworden, viele meiner Freunde leben hier. Mir ist das soziale Netzwerk wichtig – ich muss nicht alle Cafés oder alle Nationalparks der Welt sehen.

Wo wohnst du?



In Bangkok habe ich eine günstige Mietwohnung, in Berlin eine Eigentumswohnung, die ich vermiete. Ich hänge zwar nicht an Gegenständen, aber ich freu mich immer wieder darauf, auch mal zwei Monate in Berlin zu leben – mit meinen eigenen Möbeln. 



Was war der Auslöser dafür, dass du ortsunabhängig arbeitest?



In Festanstellungen habe ich mich schon immer ein wenig gefangen gefühlt. Bei meiner letzten Stelle als Architekt in einem großen Unternehmen hatte ich das Gefühl, dass ich meine Persönlichkeit an der Garderobe abgeben muss. Die einzige Lösung für mich: Der Schritt in die Selbständigkeit. Ohne Kompromisse und mit größtmöglicher Freiheit. 



Was war die größte Herausforderung dabei?

Die größte Hürde sind eigentlich die eigenen Glaubenssätze. Viele denken sich sofort: Das geht doch nicht. Ohne sich wirklich ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es dauert eine Weile, bis man versteht, dass sich Arbeit nicht zwangsläufig durch einen Achtstunden-Tag und einen festen Ort definiert. 



Wie verdienst du deinen Lebensunterhalt?



Etwa 70 Prozent meines Einkommens generiere ich durch meine Arbeit als CAD Dienstleister in der Architektur. Ich biete Zeichenleistungen für Bauprojekte in 2D und auch in 3D an. Dazu koordiniere ich – quasi als Einmannunternehmer – ein Offshore-Netzwerk aus Freelancern, studierten Architekten aus Osteuropa. Mein zweites Standbein ist "Earthcity". Mit dem Blog helfe ich Menschen, nach ihren eigenen Regeln zu arbeiten und zu leben. Ob Workshop-Angebote, Artikel, Bücher oder Podcasts, alles ist unter dem Dach dieser Seite gebündelt. 



Hat das freie Arbeiten woanders von Anfang an reibungslos geklappt?



Ich bin ein bisschen auf die Nase gefallen, als ich im Herbst 2012 das erste Mal in Bangkok arbeitete. 



Was ist passiert?



Ich saß in Südostasien und es kamen zwei Monate lang keine Aufträge herein. Ich hatte darauf gesetzt, dass sich die Anfragen aus meinem vorhandenen Netzwerk ergeben und die Akquise unterschätzt. Daraus habe ich gelernt. Mittlerweile habe ich den Turnover geschafft – ich kann ganz gut vom Bestandskundengeschäft leben. Aber wenn alle Stricke reißen sollten, greife ich einfach zum Hörer und mache Kaltakquise am Telefon. Nichts davon erfordert Anwesenheit vor Ort.

Arbeitest du immer abwechselnd von Bangkok, Berlin oder Saigon aus? Oder auch einmal woanders?

Im Winter 2015 will ich gemeinsam mit Freunden ein Haus auf Bali mieten. Viele würden jetzt sagen: Wow, cool, da kann man ständig am Strand abhängen. Aber das ist für meine Entscheidung zweitrangig. Für mich ist es wichtig, dass ich dort einen schönen Wohnort habe, an dem ich meine Arbeitsstunden bequem von der Veranda ableisten kann. Davor, Anfang November, bin ich noch in Thailand und veranstalte dort ein einwöchiges Retreat – quasi einen Schnupperkurs für diejenigen, die das Thema ortsunabhängiges Arbeiten interessiert. Zu finden unter Earthcity.de/retreat.

Muss man bereits frei arbeiten, um daran teilzunehmen? 



Nicht unbedingt. Es können auch all jene mitmachen, die noch in Festanstellung arbeiten. Aber sie sollten sich schon mit dem Thema Selbstständigkeit auseinander gesetzt haben und eine erste Business-Idee mitbringen.

Tims digitale Arbeitswelt:
www.earthcity.de
Tuscheteam.de
www.stilnomaden.de

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Wer sich intensiver mit einer freien beruflichen Zukunft unterwegs auseinandersetzen möchte, ist bei der Konferenz für Digitale Nomaden, kurz DNX, gut aufgehoben. Hier dreht sich alles ums ortsunabhängige, selbständige Arbeiten. In Vorträgen und Workshops gibt es ein Wochenende lang geballtes Know-how zu allen Fragestellungen. In der Regel findet die Konferenz seit 2014 zweimal jährlich statt, die nächste ist am 10. und 11. Oktober in Berlin.
www.dnx-berlin.de